Daimler – vom Mercedes zum mobilen Gatekeeper?

Am 31.07.2012 von Haruki

Wo liegt die Zukunft der Automobilbranche? Betrachtet man die Machenschaften des Daimler Konzerns, so scheinen die Stuttgarter eine immer klarere Vision ihrer eigenen Zukunft zu verfolgen. Denn neben dem Brot-und-Butter-Geschäft rund um Premium-Limousinen und Super-Sportwagen, wagt sich der schwäbische Konzern seit mehreren Jahren auf stetig neues Terrain.

Begonnen mit Gründung der Carsharing Plattform Car2Go in 2008, bis hin zum Investment in die Taxiruf-App MyTaxi in 2012, agiert das Unternehmen im Mobilitätsmarkt abseits von Neu- und Jahreswagen. Bereits seit 2010 testet Daimler in Ulm und Aachen unter dem Label Car2Gether das innerstädtische Kurzstrecken-Mitfahren nach dem Vorbild des Trampens. Und erst letzte Woche bezuschussten die Schwaben das Münchner Startup Carpooling.com – Betreiber der Mitfahr-Community mitfahrgelegenheit.de – mit einer Finanzspritze von rund 8 Millionen Euro.

Doch welches Ziel verfolgt die Daimler AG?

Imageaufbau und innovative Augenwischerei, meint Robin Chase, Gründerin des US Carsharing Dienstes Zipcar. Sie glaubt nicht daran, dass Daimler ernsthaft daran interessiert ist, sein Kerngeschäft “Autoverkauf” gegen Sharing-Services zu tauschen. Und doch verbinden sich die scheinbar losen Fäden der Daimler-Investments mehr und mehr zu einem neuen strategischen Netz: Mit Moovel lanciert der Konzern im Juli 2012 in Stuttgart die erste App, mittels derer verschiedenste Mobilitätsangebote der Region gebündelt werden. Frei nach dem Motto „Wie komme ich von A nach B?“ verrät Moovel dem Nutzer, welches Mobilitätsangebot das für ihn schnellste, kostengünstigste oder umweltschonendste ist. Die App verbindet so erstmals den öffentlichen Nahverkehr mit Angeboten von mitfahrgelegenheit.de und einer Taxiruf-Funktion. Das Pilotprojekt soll noch 2012 auf Berlin ausgeweitet und um die Angebote von Car2Go ergänzt werden. Auch in Hamburg wird ab 2013 in Kooperation mit Hochbahn und Europcar ein neuartiges Verkehrsnetzwerk aufgesetzt, das Mietwägen, Fahrräder, Bus, Bahn und Car2Go-Autos kombiniert.

Daimler bringt sich in einem neuen Markt in Stellung.

Der Privatkauf von Automobilen boomt nur noch in Schwellenländern, hierzulande dagegen sinkt die Zahl der PKW-Neuzulassungen Jahr für Jahr. Immer mehr Menschen der westlichen Nationen verzichten auf den Besitz eines eigenen Autos zugunsten von sharingbasierten Mobilitätsplattformen. Die Automobilbranche steht deshalb vor der Wahl, den neuen Markt der mobilen Netzwerke selbst zu besetzen, oder ihn anderen zu überlassen. Durch die Investitionen der letzten Jahre erhofft sich Daimler also – neben einem jungen, innovativen Anstrich für seine Marke – einen exklusiven Zugang zu den führenden Mobilitätsnetzwerken unserer Städte. Geht diese Strategie auf, könnte das Unternehmen irgendwann zum mobilen Gatekeeper der Branche reifen: Denn je stärker die strategisch aufgebauten Netzwerkeffekte User an die neuen Plattformen binden, desto schwerer wird es für die Konkurrenz, ein Gegenangebot zu etablieren. Schafft es Daimler also, das erste Facebook der Mobilität zu kreieren, könnte das Unternehmen zum einzigen “Hardware-Provider” und Flottenlieferant dieser Plattform werden – und so eine Monopolstellung im neuen Automobilsegment des Sharens einnehmen.

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