Murat Günak, Mia und die Zukunft des Automobils

Am 31.07.2012 von Haruki

Murat Günak ist einer der größten deutschen Autodesigner. Er entwarf den SLK, die C-Klasse und war Kopf des VW Design-Teams. Seit 2010 kämpft er jenseits der Großkonzerne für Elektromobilität und hat sich mit seinem E-Stadtflitzer „Mia“ selbständig gemacht. Neben einer Probefahrt haben wir die lebende Legende bei einer Tasse Kaffee näher kennengelernt.

 

Welche Eigenschaften hat für dich das perfekte Auto 2013?

Wir erreichen aktuell die Zeit der Entcarbonisierung – eine Zeit, in der wir Technologien nutzen müssen, die kein CO2 erzeugen. Ein erster Schritt in dieses Zeitalter ist die Elektromobilität. Der E-Antrieb ist lokal, 100% emissionsfrei, sehr leise und macht Spaß zu fahren. In diesem Kontext muss das Autodesign beitragen, Gewicht und Komplexität der Fahrzeuge wieder zu reduzieren. Die Designer haben sich in den letzten Jahren unheimlich ausgetobt: Die Autos sind sehr überladen geworden mit Stilelementen, Details, Linien, Kanten und dicken großen Reifen. Für mich muss jetzt ein Umdenken stattfinden. Nur wenn die Autos wieder leichter werden, macht eine neue Antriebsform Sinn.

 

Wie bewertest du in diesem Kontext dein Elektrofahrzeug “Mia”?

Die Mia ist ein typisches Stadtauto, da bedingt schon allein die Positionierung Einfachheit. Aber wenn man jetzt von Autos allgemein spricht, Mittelklasse oder untere Mittelklasse – die sind so schwer geworden! Selbst Autos wie der Polo sind riesig geworden, wiegen 1,5 Tonnen und meist sitzt nur einer drin, der Kurzstrecken fährt.

“Die ganze Komplexität, die in unseren heutigen Fahrzeugen steckt, brauchen wir eigentlich gar nicht.”

Du hast früher für Mercedes-Benz oder VW Fahrzeuge entworfen und hast unter anderem die C-Klasse aus der Wiege gehoben. Was hat dich dazu veranlasst, ein Auto wie die Mia auf den Markt zu bringen?

Schon 2007 habe ich habe angefangen mich für Elektromobilität einzusetzen. Damals war das aber noch gar kein Thema – die großen Automobilfirmen haben sich gar nicht dafür interessiert. Deshalb habe ich gemeinsam mit Leuten, die genau wie ich von dem Konzept der Elektromobilität überzeugt waren und einen kleinen Beitrag für die Welt leisten wollen, ein eigenständiges Projekt gestartet.

“Unsere Grundidee war es, ein Produkt zu entwickeln, das etwas bewirkt.”

Wir wollten kein Edelauto, das nur in Einzelstücken produziert wird, denn das bringt ja für die CO2-Bilanz nichts. Unser Ziel war es, ein Fahrzeug auf den Markt zu bringen, das so erschwinglich, so funktional und so alltäglich wie möglich ist. Es sollte massentauglich sein – so ist die Mia entstanden.

 

Welche Anforderungen haben die Menschen in unserer heutigen Zeit an ein Auto?

Das ist unterschiedlich. In Deutschland ist das Auto nach wie vor ein Statussymbol. Die Menschen wollen hier in ihrem Auto etwas darstellen, weshalb Masse, Größe und viele Ausstattungsdetails immer noch eine zentrale Rolle beim Kauf spielen. Im Rest von Europa geht dieses Denken schon sehr stark zurück. Dort ist ein Auto inzwischen eher ein Statement der Intelligenz; mit einem dicken, fetten Auto dort herumzufahren, ist nicht mehr cool. Nicht weil sich die Menschen diese Autos nicht mehr leisten könnten, sondern weil es einfach nicht mehr angesagt ist. Insofern wird sich bei der Mobilität sehr viel ändern und Platz für ganz neue Fahrzeugkonzepte frei werden.

“Die Mia ist ein erster Schritt in diese Richtung, denn sie passt überhaupt nicht in das Schema der heutigen Autos: Sie hat keine Keilform, keine schnellen Linien, keine großen Räder – sie ist im Prinzip nur ein ehrliches Produkt.”

Der erste Fiat Panda oder den Käfer waren auch solche Autos, aber leider ist diese Kultur komplett verloren gegangen. Heute bescheinigen uns unsere Käufer, dass sie genau deshalb Fan der Mia sind – weil sie eben kein Gehabe darstellt.

 

Kann ich mir mit der Mia eine neue Form des Status kaufen?

Auf jeden Fall. Die Mia hat ihren Status dadurch, dass sie keinen Status hat – und das ist etwas ganz besonderes. Die Leute erkennen, dass es kein Fahrzeug ist,  mit dem man angeben möchte. Es ist der Status der Statuslosigkeit.

 

Warum wurde ein Fahrzeug wie die Mia nicht von einem Großkonzern auf den Markt gebracht?

In den letzten Jahren haben sich die Autohersteller immer mehr in das Premium-Segment hinein entwickelt. Und wenn man Premium so nimmt, wie es heute verstanden wird, dann bedeutet das viele Komfortmerkmale und elektrische Hilfen.

“Um aber ein erschwingliches Elektroauto zu machen, musst du alles raus nehmen.”

Das Produkt muss ganz einfach und leicht werden, damit der Elektroantrieb Sinn macht. Das ist für die großen Unternehmen mit ihren Premium-Marken nicht mehr möglich.

 

Wie sieht für dich die Zukunft des Autofahrens aus?

Ich sehe die Zukunft der individuellen Mobilität sehr positiv, denn ich glaube, dass ein Umdenken stattfinden wird: Die heutigen Autos lassen uns nur noch sehr wenig Raum. Sie sind sehr empfindlich und teuer, es darf kein Kratzer im Lack sein und auch innen werden sie immer enger. Alles ist nur noch auf Sportlichkeit ausgelegt, sodass Kinder kaum mehr rausgucken können. Das engt extrem ein –  dabei ist ein Auto doch eigentlich entstanden, um den Menschen Freiheit zu schenken. Ich glaube, dass die Elektromobilität uns wieder zu diesen Ursprüngen zurückführt.

“Wir werden leichte, einfache Fahrzeuge haben, die uns viel mehr Lebensraum geben und viel mehr Charme haben –  wo man auch mal die Geschwindigkeit spürt.”

Wenn wir heute in einem Auto fahren, dann spüren wir beim Fahren gar nichts mehr, es sei denn, wir geben nachts Vollgas auf der Autobahn. Da ist unheimlich viel Kultur verloren gegangen und ich glaube, diese finden wir nun wieder.

 

Robin Chase, die Gründerin des US-amerikanischen Carsharing-Unternehmens Zipcar ist der Meinung, dass wir in Zukunft nur noch kleine Stadtautos besitzen werden und wir uns für alle weiteren Lebenslagen Autos kurzfristig anmieten werden. Wie siehst du das?

 

Ich kann mir gut vorstellen, dass es Fahrzeuge für bestimmte Gelegenheiten geben wird. Ich kann mir auch vorstellen, dass das Auto für einige unrentabel wird: Statt für Versicherung, Steuer und Benzin werden viele lieber Ausgehen und sich etwas anderes gönnen wollen. Ich glaube deshalb, dass man sich Autos in Zukunft eher – wie bei einem Zugticket oder Flugticket – mieten wird. Ein Stadtfahrzeug muss dabei aber aus meiner Sicht nicht klein sein. In der Stadt wird es immer markierte Parkplätze geben – und es gibt nun mal größere Autos, die auch dort hineinpassen müssen. Deshalb wird es auch immer wieder neue große Autos geben. Was für mich aber am Ende des Tages zählt, ist das Gewicht, nicht die Größe. Wenn wir in Zukunft andere Materialien haben, kann ich mir durchaus vorstellen, dass es leichte Stadtautos gibt, die aber nicht unbedingt klein sein müssen.

 

 

Glaubst du, dass wir in Zukunft überhaupt noch Autos besitzen werden? 

Ja, das Auto ist so in uns Menschen drin. Schau dir mal Kinder an: Mit was spielen die gern? Mit Autos. Das ist irgendwie Teil unserer Kultur, unserer Herzen.

“Ein Auto ist etwas ganz besonderes – das wird es immer geben. Nur in welcher Form und in welchem Ausmaß, das ist eine andere Frage.”

Wenn du ein Auto für einen Carsharing-Dienst designen müsstest, was würdest du entwickeln?

 

Die Mia ist ideal für Carsharing: Sie ist sehr kompakt, bietet 3-4 Personen Platz, hat einen Kofferraum, ist durch ihren E-Antrieb völlig wartungsfrei und ist im Innenraum leicht sauber zu halten. Oder anders gesagt: Wo wenig kaputt zu machen ist, geht auch wenig kaputt. Das ist für mich das perfekte Carsharing-Auto.

 

Seid ihr mit der Mia schon in einem Carsharing-Programm dabei?

Ja, wir sind in Nizza und La Rochelle und können uns vorstellen, auf diesem Gebiet noch weiter zu wachsen. Denn der größte Vorteil für die Städte ist die absolute Geräuschlosigkeit der Mia durch ihren E-Antrieb. Und eine konsequente Verminderung der Lautstärke bedeutet mehr Lebensqualität für die Bewohner.

 

Könntest du dir auch vorstellen, langfristig eine komplette Mobilitätsplattform zu entwickeln – weg vom Auto allein, hin zu Fahrrädern oder anderen, innovativen Mobilitätslösungen?

Auf jeden Fall. Bei Mia arbeiten wir aktuell auch schon ganz konkret an solchen Sachen. Aber was genau, ist noch geheim.

 

Zum Abschluss: Bitte beende den Satz „Autos sind…“

Autos sind wunderbar. Sie bringen viele, viele Menschen auf der Erde zum Träumen. Es gibt kein einziges Industrieprodukt auf der Welt, das Menschen so verbindet, wie das Auto. Egal ob Großeltern, Enkel, Mann mit Frau oder Freundin – jeder diskutiert darüber. Das Auto berührt die Menschen und wird dadurch etwas ganz wunderbares. Es regt uns zum Träumen an.

Hinweis: Die Mia kann noch bis morgen, 01. August 2012 ganz einfach und leicht am ZOB Hamburg begutachtet und kostenlos Probegefahren werden. Danach ist die Mia am 03.-04. August im Sony Center Berlin zu Gast.

 

 

 

 

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