Was das Essen über die Finnen sagt

Am 15.08.2012 von Tim Kraushaar

In ihrem Buch “Helsinki Street Eats” dokumentieren Dan Hill und Bryan Boyer die Entwicklung der Street Food Culture in Helsinki. Sie analysieren dabei die Entwicklung des “everyday foods” und ziehen Parallelen zur Historie des Landes.

In ihrem Buch “Helsinki Street Eats” geben die beiden Autoren Bryan Boyer und Dan Hill einen interessanten Einblick in die finnische Hauptstadt und erklären, warum die Foodszene in Helsinki aktuell so stark boomt und es zu interessanten Erscheinungen wie z.B. Protestbewegungen kommt. So nutzen die Finnen die iPhone App Ravintolapäivä, um gegen die scheinbare Unmöglichkeit, ein Restaurant in der Stadt zu eröffnen, zu protestieren. Die App ist Teil einer Art von kulinarischen Festival in Helsinki. Hier hat jeder die Möglichkeit, ein Eintages-Restaurant zu eröffnen. So kommt es beispielsweise  dazu, dass Finnen ihr Frühstück an einem Balkon im ersten Stock eines normalen Wohnhauses bestellen.

 

Den Ursprung der aktuellen Ereignisse versteht man schnell, wenn man Hill und Boyer tiefer in die Zusammenhänge zwischen finnischer Geschichte und Kultur folgt. Sie starten mit Ihrer Zeitreise als Helsinki noch ein Handelspunkt unter schwedischer und russischer Herrschaft war, über die Prohibition in den 1920er und der 1950/60er, in der Frauen nicht alleine in Restaurants durften, bis hin zur Liberalisierung durch Olympia 1952 und den heutigen Fast Food-Erscheinungen.

Die Entwicklung der Food Culture ist ein Spiegel der Geschichte Finnlands.

Das für jeden sichtbare Verhalten während des Straßenessens – womit nicht nur in die reine Nahrungsaufnahme gemeint ist, sondern auch die Art des Beschaffens oder die Inszenierung des Essens – macht die zugrundeliegenden gesellschaftlichen Wert sowie die industriellen und politischen Systeme in denen wir leben sichtbar.

 

Die Beobachtung der Street Food Culture ist ein interessanter Ansatz, das gesellschaftliche System hinsichtlich Kultur, Produktion, Innovation, Politik u.v.m. zu analysieren. Zusätzlich bietet das Thema Essen wie kein anderer Bereich die Chance, die gesamte Gesellschaft samt ihrem Wandel zu beobachten, weil sich jedes einzelne Individuum mit seiner Nahrungsaufnahme mehrmals täglich auseinandersetzen muss.

In Finnland galt die Trunkenheit in der Öffentlichkeit lange als Verbrechen.

Ein Beispiel: In Finnland galt die Trunkenheit in der Öffentlichkeit lange als Verbrechen. Durch ein zusätzliches gesetzliches Alkoholverbot stiegen die Anzahl der Schwarzbrenner sowie Straf- und Gewalttaten stark an. Sogar das Tanzen wurde verboten, weil es angeblich zum Alkoholkonsum anregte. Der finnische Alkoholmarkt stellte, wie in den meisten skandinavischen Ländern, somit ein klassisches Monopol dar. Alkohol gab es nur in den besten Restaurants zusammen mit Speisen. Diese Orte galten als “Ort der Nahrungsaufnahme”, nicht aber als Ort der Geselligkeit. Die öffentliche Esskultur erholte sich letztendlich erst durch Olympia 1952. Hier hielt die ganze Welt in Helsinki Einzug und das brachte, so die Autoren, kulturelle Vielfalt mit sich.

 

Letztlich geht es darum, wie wir unser öffentliches Leben gestalten, wofür die Straßen nutzen und wer darüber entscheidet. Dabei stehen nicht nur Kultur, Soziales, Ökonomie, Gesundheit im Fokus sondern generell das Verständnis für die kulturelle Vielfalt.

 

Das Buch gibt es mit vier unterschiedlichen Covern als Free-Download oder als Hardcover- durch den Kauf werden die Autoren finanziell unterstützt.

 

Quelle: City of Sound

 

Artikel kommentieren

Ähnliche Beiträge