Neue Territorien der Vernetzung

Am 22.04.2013 von Kathrin Kaufmann

2013 findet die Smartwatch endlich einen Markt und Google Glass die ersten Testträger. Digitale Anwendungen rücken näher an unseren Körper als je zuvor und versetzen uns in einen permanenten Vernetzungsmodus, der unseren Alltag nachhaltig verändern könnte.

In unseren Köpfen lebt die Vision des „wearable computing” schon lange, und auch die Smartwatch, über die gerade soviel geschrieben wird, ist eigentlich ein alter Hut. Microsoft versuchte schon 2004, uns mit einer intelligenten Armbanduhr auszurüsten – und scheiterte. Auch ein Versuch von Samsung aus dem Jahr 2009 blieb ohne nennenswerten Erfolg.

Smartwatches auf dem Vormarsch

Pebble Press Foto

2013 sieht das anders aus: 1,2 Millionen Smartwatches werden dieses Jahr verschifft werden, prognostiziert die Market Intelligence Firma ABI Research. Die Gründe liegen auf der Hand: Die Bauteile sind endlich klein genug, um am Handgelenk gut Platz zu finden, und auch die Akkuluafzeit ist mittlerweile akzeptabel. Aber noch ein anderer Aspekt spielt beim möglichen Durchbruch der Smartwatches eine große Rolle: Dank Smartphones haben wir uns an mobile Anwendungen gewöhnt und mit den App-Ökosystemen von Apple und Google liegen funktionierende Businessmodelle vor, auf die Anbieter aufsetzen können. Nike+ zeigt mit 5 Millionen Nutzern, dass Konsumenten bereit sind, smarte Geräte am Körper zu nutzen. Die Grenzen in unseren Köpfen sind durchlässiger geworden als noch vor ein paar Jahren.

 

Alle machen mit

Das zeigt auch der Erfolg der Pebble, einer Smartwatch, die über Kickstarter finanziert wurde und mit 10 Millionen Dollar erreichtem Budget immer noch das erfolgreichste Projekt der Plattform ist. Vor kurzem wurden die ersten Uhren ausgeliefert. Revolutionär ist das, was die Pebble macht, noch nicht: Die Smartwatch ist mit dem Smartphone per Bluetooth verbunden und zeigt Anrufe, Nachrichten oder Emails an. Das Aussehen der Uhr lässt sich mit den so genannten Watchfaces ändern. Es gibt eine Schnittstelle für Entwickler, über die Apps wie Runkeeper für die Pebble optimiert werden. Weitere bereits erhältliche Smartwatches sind die italienische I’m Watch sowie die Signalgeberuhren Cokoo und Sony Smartwatch. Der Rest der Anbieter auf dem Smartphone-Markt hat die Produktion einer intelligenten Uhr bereits angekündigt oder arbeitet gerüchteweise daran: Samsung, LG, Google sowie Apple, und auch Microsoft wagt einen zweiten Versuch und lässt das Team, das hinter der Kinect-Technologie steckt, an einer Smartwatch tüfteln.

 

Die Produkte der großen Player werden zeigen, welches Potenzial der Smartwatch-Markt in den nächsten Jahren haben wird. Aktuell können die Produkte noch nicht viel, außer Notifications der Smartphones oder Wetterinformationen anzuzeigen oder als Steuerung für den Musikplayer zu fungieren. Natürlich ist es angenehm, mit einem kurzen Blick auf die Uhr zu entscheiden, welchen Anruf man entgegennimmt und welchen nicht, oder in Kontexten wie Meetings dezenter Nachrichten zu lesen – aber Revolution ist das keine.

 

Die Smartwatch als Controller

Es sind aber auch Anwendungen vorstellbar, die über eine bloße Verlängerung der Kontextualisierung des Smartphones hinausgehen. Wenn die Smartwatches etwa anfangen, die Sensoren der Fitnessbänder zu integrieren und wir damit nicht nur Daten vom Smartphone empfangen, sondern auch zurücksenden, wird es interessanter. Es ist denkbar, unseren Puls via Smartwatch unterbrechungsfrei zu überwachen, inklusive eines Alarmmechanismus übers Telefon bei Senioren mit Herzproblemen.

 

Ein weiteres großes Anwendungsgebiet für die Smartwatch ist die fortschreitende Vernetzung unserer Umwelt: das Internet of Things. 50 Millionen vernetzte Geräte soll es 2020 geben – und potenziell werden alle diese Geräte über die Smartwatch steuerbar sein, ob nun die Klimaanlage im Auto, das Licht im Wohnzimmer oder die Heizung im Keller.

 

Die nächste Ebene

CC BY 3.0 Foto: Antonio Zugaldia

CC BY 3.0 Foto: Antonio Zugaldia

Das ist spannend – aber im Vergleich zu Googles neuer Datenbrille nur ein kleiner Schritt, wie Sarah Rotman Epps im Artikel „Why Google Glass Is Far More Important Than Any Smartwatch“ erläutert. Diese Woche wurden die ersten Google Glasses Testgeräte an die ersten „Explorer” ausgeliefert. Auch Kai Diekmann gehört zu den 2.000 Auserwählten, welche die Google Glass Explorer Edition für 1.500 Euro ihr Eigen nennen werden.

Wo die Smartwatch einfach ein zusätzliches Display bietet, das komfortabler zu tragen ist als ein Smartphone, bringt die Datenbrille Implikationen für unsere Gesellschaft mit sich, die wir uns noch nicht zur Gänze vorstellen können. Smartwatches liefern und generieren Informationen, hauptsächlich über uns selbst, und lassen uns Gegenstände in unserer Umgebung kontrollieren. Google Glasses aber operieren als zusätzliche Ebene zwischen uns und unserer Umgebung, unseren Mitmenschen. Wir können alles, was wir sehen, aufzeichnen. Wir können gleichzeitig mit jemanden sprechen und uns Informationen anzeigen lassen. Wir können damit unsere Freunde in einer Menschenmenge identifizieren.

 

 

Die smarte Brille als soziale Herausforderung

Doch die intelligente Brille von Google hat einige Hindernisse zu überwinden. Das fängt damit an, dass wir uns ein seltsames Ding mitten ins Gesicht setzen sollen. Viel größer sind aber die kulturellen Implikationen, die Google Glasses mit sich bringen: Sie werden unsere Kommunikation verändern und deshalb viel tiefer in unsere Alltag eingreifen als Smartwatches. Sie verlangen einiges an sozialer und moralischer Verantwortung im Umgang und werden viele soziale Normen auf den Kopf stellen. Es kann noch dauern, bis die breite Masse bereit für dieses Experiment ist. Bis es soweit ist, können wir uns schon mal überlegen, welche Anwendung wir auf unserer Smartwatch haben wollen.

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