NEXT 2013: Die Zukunft ist „socialstructed“

Am 30.04.2013 von Kathrin Kaufmann

Bei der NEXT Konferenz in Berlin, die wir vergangene Woche besucht haben, drehte sich alles um zukunftsprägende, digitale Trends. Einer davon: Der Aufstieg der „socialstructed production”: Vernetzte Individuen revolutionieren mit Hilfe neuer Technologien ganze Branchen und lassen dabei Konzerne und Institutionen alt aussehen.

Ob 3D-Druck, Internet of Things, Big Data, Roboter oder Google Glass: Die NEXT war ein Streifzug durch die wichtigsten Entwicklungen, die unsere Arbeits- und Lebenswelt in den kommenden Jahren branchenübergreifend prägen werden. Natürlich laufen diese Entwicklungen nicht parallel und voneinander abgeschottet ab. Sie beeinflussen sich gegenseitig und verändern unsere Gesellschaft. Wie diese Veränderung aussehen könnte, beschrieb Marina Gorbis vom Institute for the Future in der Eröffnungskeynote.

 

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Vernetzte Individuen statt Organisationen

Wie in ihrem gerade veröffentlichten Buch „The nature of the future” skizziert sie den Aufstieg der „amplified individuals“: Individuen, die unterstützt durch neue Technologien und soziale Netzwerke die Art verändern, wie wir arbeiten, Probleme lösen, Werte schaffen und schlussendlich auch Geld verdienen.

Der Aufstieg großer Organisation hatte einen Grund: Gewinnmaximierung durch die Reduktion von Transaktionskosten (Coase, Ronald H.: The Nature of the Firm, 1937). Zu diesen Transaktionskosten gehören unter anderem Kosten für Informationsbeschaffung, Kontaktaufnahme, Verhandlungen, Abwicklung, Transport und so weiter. Durch die Möglichkeiten des Internets und sozialer Plattformen, die Individuen vernetzten, lassen sich diese Kosten entscheidend senken. Ich kann beispielsweise Angebote von einzelnen Käufern aus der ganzen Welt auf eBay finden, und über das Bewertungssystem schnell feststellen, welchem der Transaktionspartner zu trauen ist. Der Bestellprozess ist standardisiert, genauso der Bezahlprozess, auch wenn ich mit vielen unterschiedlichen Verkäufern interagiere. Durch die neuen Technologien entstehen Produktionssysteme aus aggregierten Mikrokontributionen von Individuen, die Firmenstrukturen ersetzen. Und das branchenübergreifend.

 

Die Zukunft mitgestalten

Eines der Ziele bei Haruki ist es, Innovationen anzustoßen und Innovationsprozesse zu begleiten. Deshalb stellt sich uns natürlich die Frage: Was genau bedeuten diese Veränderungen für Unternehmen, die heute noch klassisch strukturiert sind und ihre Chancen im Markt? Grundsätzlich lässt sich festhalten: Es geht immer weniger nur darum, lediglich ein Produkt auf den Markt zu bringen als vielmehr Plattformen und Strukturen zu schaffen, die Stakeholdern neue Formen des Austausches, der Produktion oder Informationsgewinnung ermöglichen. Sehen wir uns ein paar Beispiele für Unternehmen und Plattformen an, die heute bereits „socialstructed” arbeiten.

 

Marktplätze für Produkte und Services

Drei Beispiele für Unternehmen, die bereits mit „socialstructed” Geschäftsmodellen erfolgreich sind, sind uns bei der NEXT begegnet: Im Track „Disruptors” kamen der DIY-Marktplatz Etsy, der Limousinenservice Uber und die Privatunterkunftsvermittlung Airbnb zu Wort. Alle drei stellen Plattformen zur Verfügung, über die Transaktionen zwischen Einzelunternehmern und Konsumenten abgewickelt werden. Was die Unternehmen bieten, geht über reine Infrastruktur hinaus: Sie schaffen gegenseitiges Vertrauen. Würden wir wildfremden Menschen unsere Wohnung überlassen, wenn diese Entscheidung nicht über Airbnb gegen Schaden versichert wäre? Würden wir bei einem Menschen vom anderen Ende der Welt selbstgestrickte Mützen bestellen, wenn Etsy nicht die Sicherheit der Transaktion garantieren würde? Ein weiterer Mehrwert, den diese Plattformen kapitatlisieren, sind die Massen an Daten, die sie sammeln. Im Fall von Uber bekommen die Fahrer Informationen darüber, an welchem Standort mit größter Wahrscheinlichkeit wieder ein Fahrer gebraucht werden wird – eine Vorhersage, die nur durch die Datenauswertung vieler Buchungen und Transfers möglich wird.

 

Marktplätze für Investitionen und Kredite

Crowdfundingplattformen wie Kickstarter sind bereits in aller Munde, und mittlerweile greifen sogar Hollywoodstars wie Zach Braff auf diese Form der Finanzierung zurück. Es sind aber auch private Kredite über Plattformen wie Lendingclub oder Smava realisierbar – ganz ohne eine klassische Bank im Hintergrund.

 

Lern- und Forschungscommunities

Die Bildungsangebote im Netz werden qualitativ immer besser, die Bandbreite der angebotenen Inhalte immer größer. Beispiele für große Lernplattformen sind beispielsweise Khanacedemy, Learnist oder Coursera. Besonders spannend wird es jedoch, wenn dieses Prinzip auf die Forschung ausgedehnt wird. Biocurious ist ein Hackspace für Biotech mit vollständig ausgerüstetem Labor, in dem gemeinsam mit der Community an Innovationen in der Biologie geforscht wird.

 

Wir stehen erst am Anfang dieser Entwicklungen. Wir können die Zukunft nicht vorhersagen, aber wir können sie durch die Technologien, die wir entwickeln beeinflussen – in dem wir sie sozial machen.

 

Mehr von der NEXT?

Zusammenfassungen und Videomitschnitte der Keynotes zu den Schwerpunktthemen der NEXT gibt es im Blog zur Konferenz.

Invisible: unsichtbare Technologie, Internet of things
Interface: APIs, Interaktion und Service Design
Makers: DIY und 3D-Druck
Context: Smarte Gegenstände, Data und Mapping

 

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