Mobilität ohne Grenzen

Am 18.06.2013 von Kathrin Kaufmann

Die Veranstaltungsreihe twenty.twenty ruft zur Blogparade auf und stellt die Frage „What makes mobility seamless?” Ein paar Antworten.

„Seamless Mobility” steht für die Vision einer „schwellenlosen Mobilität“: Wir planen unsere Reise von der Haustür bis zur Endstation mit Hilfe einer zentralen Anwendung und werden ohne große Wartezeiten mit unterschiedlichsten Verkehrsmitteln an unser Ziel navigiert – und das möglichst ressourcenschonend. In der Realität kämpfen wir jedoch mit diesen Schwellen, mit holprigen Schnittstellen und einer lückenhaften Verkehrsinfrastruktur. twenty.twenty stellt die Frage, was Mobilität eigentlich schwellen- oder nahtlos erscheinen lässt und welche Anwendungsbeispiele es bereits gibt, wo noch Hindernisse zu finden sind und wo geeignete Anwendungen fehlen.

Wann nehmen wir Mobilität als nahtlos wahr?

Die Herausforderung im Zusammenhang mit der Idee einer „Seamless Mobility“ fängt schon bei der Planung an: Wieviele Seiten mit unterschiedlichen Nutzer-Accounts muss ich besuchen, um meine Reise zu planen? Werden meine Reisedokumente zusammengefasst und übersichtlich übermittelt oder habe ich am Ende zahllose Tickets in unterschiedlichen Formaten mit unterschiedlichen Identifikationsanforderungen? Die Vision ist klar: Idealerweise lässt sich meine gesamte Route über einen Account buchen und über eine einzige Anwendung im Auge behalten. Die Wartezeiten zwischen den einzelnen Etappen sollten dabei möglichst gering sein, und unterschiedliche Transportmittel zur Verfügung stehen.

 

Eine weitere Voraussetzung für die nahtlose Wahrnehmung von Mobilität wäre die automatische Anpassung der Reiseroute bei Verspätungen – idealerweise ohne Zusatzkosten bei Verschulden durch eines der beteiligten Transportunternehmen. Ein Beispiel: Ich buche meine Reise via App von meinem Ursprungsort A mit der Bahn bis zu meiner Zwischenstation B, an der bereits ein Taxi auf mich wartet, das mich zu meinem Zielort C bringt. Die App registriert die Verspätung meiner Bahn und informiert den Taxifahrer automatisch, mich dementsprechend später abzuholen – oder versucht, kurz vor Ankunft das nächstgelegene Car2Go für mich zu reservieren.

Welche Hindernisse müssen dafür überwunden werden?

Wettbewerbsbarrieren

Um diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen, ist ein großer kultureller Wandel bei den Transportunternehmen nötig. Anbieter, die eigentlich in Konkurrenz miteinander stehen, müssen bereit sein, zusammenzuarbeiten und gemeinsame Angebote zu formulieren. Ist die Bereitschaft dazu vorhanden, fängt der komplexe Prozess der Entwicklung und Anpassung technischer Schnittstellen und des Designs einer gemeinsamen Kundenplattform erst an.

 

Mentale Barrieren

Aber Barrieren gibt es nicht nur auf Anbieter- sondern auch auf Konsumentenseite – besonders in Bezug auf die Akzeptanz von Sharing-Modellen im Bereich Mobilität. Mein Kollege Tim dazu: „In unseren Köpfen muss ein Umdenken stattfinden. Ich glaube, dass noch in vielen Köpfen die Gleichung `Besitz = Status´ existiert und der Besitz mehr zählt als das Gemeingut. `Seamless Mobility´ ermöglicht uns auf der einen Seite mehr Individualität in der Art wie und womit wir uns bewegen, auf der anderen Seite nimmt es uns aber auch einen Teil unserer Individualität, weil wir doch alle das gleiche Fahrrad und das gleiche Auto nutzen. Hier kommt es in unseren Köpfen noch zu Dissonanzen, die erst beseitigt werden müssen.“

 

Fehlende Infrastruktur

Selbst wenn man sich als Konsument damit angefreundet hat, weniger zu besitzen und nur stattdessen bedarfsgerecht zu nutzen, bleibt immer noch das Problem der Verfügbarkeit der Angebote. „Mit den aktuellen Mobilitätsangeboten kann ich nicht verlässlich planen, weil in dem Moment wo ich es brauche dann eben doch kein Rad oder Auto zur Verfügung steht. Das bringt natürlich Unsicherheit mit sich und diese vermeiden wir als Menschen gern. Wer möchte schon, weil er modern und nachhaltig handelt, zu spät zu seinem nächsten Termin und gar Bewerbungsgespräch kommen?” fügt Tim hinzu.

 

Unser Praktikant Julian ist der Meinung, dass sich für die Realisierung einer „Seamless Mobility” erst das gesamte Stadtbild verändern müsste – was weitreichende Konsequenzen haben könnte: „Wege zu verkürzen, Energie zu sparen und Wartezeiten zu reduzieren zugunsten der Umwelt und einer höheren Lebensqualität klingt nach hehren Zielen, hat aber vielleicht größere Folgen für eine Stadt und einen Raum, als nur Sprit und Energie zu sparen. Die Straßen und Bahnstationen bestehen ja hauptsächlich aus Leuten, die auf dem Weg von A nach B bei C Halt machen. Für die einen ist das Wartezeit – für anderen ist es ein Markt, ein Publikum oder vielleicht nur ein Gesprächspartner.”
Eine schwellenlose Mobilität bringt also auch Opportunitätskosten mit sich, die an den Schwellen entstehen. Sie verändert nicht nur unser Gefühl von Raum sondern auch von Zeit, indem sie Geschwindigkeit und Bewegungseffizienz höher gewichtet als zum Beispiel Konsum, Interaktion, Erfahrungen, die durch die Schwelle und die Verzögerung erst möglich werden.
„Wollen wir ohne Umschweife die Distanz zwischen zwei Punkten überwinden, müssten wir uns fortbewegen wie ein Parkour-Sportler, was wahrscheinlich für die wenigsten in Frage kommt. Aber wenn wir uns nicht an die Umgebung anpassen können, müssten wir die Umgebung an uns und unsere Fortbewegungsmittel anpassen. Die Möglichkeit einer `Seamless Mobility´ würde also unter anderem eine Umgestaltung von Städten und Wegen fordern. Ein Raum entsteht aber durch seine Nutzung und die Bewegung darin. Möglicherweise kriegen wir also keine kürzeren Wartezeiten, solange wir nicht die Alster trockenlegen, Planten & Bloomen asphaltieren und die Elbe umleiten.”

 

Die Anpassung einer räumlichen Infrastruktur ist sicherlich ein entscheidender Faktor bei der Verwirklichung einer „Seamless Mobility”. Zum Teil ließen sich Wartezeiten aber auch durch eine sinnvolle Verknüpfung und Auswertung der Daten aller Verkehrsanbieter verkürzen. Das Unternehmen „Uber”, über deren App man sich einen persönlichen Fahrer mit Limousine bestellen kann, optimiert die Wartezeiten auf ein Auto unter anderem durch eine komplexe Auswertung von Verkehrs- und Erfahrungsdaten. Eine Analyse über mehrere Transportmittel hinweg könnte durchaus zu einer Optimierung des Angebots an bestehenden Bedarf führen.

Welche Anwendungen helfen uns dabei?

Erste Schritte in Richtung einer nahtlosen Mobilität wurden bereits umgesetzt. Tools wie  „SwitchHH” machen die Angebote verschiedener Anbieter für eine Reiseroute vergleichbar. So werden Zeit und Kosten für die Reise per Car2go, HVV, Hochbahn oder MyTaxi angezeigt. Was noch nicht funktioniert ist allerdings die Verknüpfung unterschiedlicher Angebote zu einer Route und die direkte Buchung aller Angebote über die App. Zudem ist das Angebot nur in Hamburg verfügbar.

 

Die App „Touch & Travel” (z. B. in Berlin nutzbar)  zeigt zwar keine kombinierten Reiserouten, vereinfacht aber den Bezahlprozess und macht ihn flexibler: Beim Einsteigen in ein Verkehrsmittel meldet man sich via App an, beim Aussteigen ab. Die App berechnet dann den günstigsten Tarif für die Strecke. Der Vorteil: Man kann sich ohne Tarifkenntnisse frei bewegen. Ändert sich die Route spontan, passt sich der Fahrpreis an. Man bezahlt im Nachhinein, wie viel man gefahren ist. So bucht die App beispielsweise am Ende des Tages eine Tageskarte ab, wenn die Gesamtsumme der Einzelfahrten über dem Preis des Tagestickets liegt.

 

Mit „Waymate” oder „Verkehrsmittelvergleich“ wiederum lassen sich Fernreisen per Bahn, Flugzeug, Bus und Auto über Ländergrenzen hinweg nach Dauer und Preis vergleichen und planen.

 

Was schwebt uns für die Zukunft vor?

Ideal wäre natürlich ein Mobilitätsaccount pro Person, mit dem sich alle unsere Reisen komplett planen und bezahlen lassen. Wie bereits erwähnt, wäre zudem eine automatische Anpassung der Route bei Verspätungen wünschenswert.

 

Tim schwebt zudem die Ausweitung des Sharing-Gedankes auf die Planung der Reise vor: „Am besten wäre es, wenn die App mitbekommt, dass jemand (teilweise) dieselbe Reiseroute plant und beiden Verkehrsteilnehmern vorschlägt, sich für diesen Streckenabschnitt beispielsweise ein Auto, Taxi oder Gruppenticket in der Bahn zu teilen.”

 

Mehr zum Thema

Heute Abend findet die Diskussionsveranstaltung twenty.twenty zum Thema „Seamless Mobility” in Wien statt und wird per Livestream übertragen.

1 Kommentar

  1. Kathrin Kaufmann: Mobilität ohne Grenzen | twenty twenty am 24.06.2013

    […] Kultur aufgreifen und gestalten wollen. Anlässlich der Blogparade von twenty.twenty haben wir uns Gedanken zum Thema „Seamless Mobility” […]

Artikel kommentieren

Ähnliche Beiträge